Leif Davidsen
Leif Davidsen

Marianne Juhl: Sag mir, was du liest…

Die Bücher in den zahlreichen Regalen in Leif Davidsens Haus in Smørum, die inklusive Eingangsbereich über das ganze Haus verteilt stehen, sind nicht alphabetisch geordnet. Aber er behauptet, das sei kein Problem. Es gibt keine Systematik, keine Leselisten, keinen Kanon oder irgendeine andere Form von Zwang in Leif Davidsens Umgang mit Büchern. Das heißt - als er als Teenager noch bei den Eltern wohnte, bildeten die vierzig roten Bände der Reihe Gyldendals Bibliothek, die in den Regalen der Mutter standen, so etwas wie einen Kanon.

Heute ist Leif Davidsen ein Lust-, kein Pflichtleser, und er liest zu jeder Tages- und Nachtzeit und überall. Zum Beispiel in dem tiefen Lesesessel in seinem Wohnzimmer. Oder auf Flughäfen oder in Bahnhöfen, wenn der Lautsprecher Verspätungen ankündigt. Oder in der Küche, während er darauf wartet, daß die Kartoffeln kochen. Ein erster Blick in die Regale erweckt den Eindruck, daß Leif Davidsen zahlreiche dänische wie ausländische Autoren liest. Und auch wenn sein eigenes Werk dem Genre des Thrillers verpflichtet ist, sind Thriller doch nicht in der Überzahl, wenn man den Blick über die Buchrücken schweifen läßt und die Namen Bent Vinn Nielsen und Kirsten Thorup, Klaus Rifbjerg und Henrik Stangerup neben Paul Auster und George Orwell, Hemingway und Aksel Sandemose liest.

Die gute Geschichte

Bei näherem Hinsehen kann man jedoch schnell eine Überschrift für Leif Davidsens literarische Büchersammlung finden: Realismus. "Ja, ich bevorzuge zweifellos realistisch geschriebene Bücher, Autoren, die eine gute Geschichte erzählen können und wollen. Es können dänische Schriftsteller wie Tom Kristensen, Tage Skou-Hansen, Klaus Rifbjerg, Stangerup und Bodelsen sein, um zunächst einige aus der älteren Generation zu nennen. Klaus Rifbjergs Erzählungen in dem Band Reisende aus dem Jahre 1969 haben beispielsweise große Bedeutung für mich gehabt. Es ist schlichtweg eins der besten Bücher, die je in dänischer Sprache geschrieben wurden. Aber ich mag auch Kirsten Thorup und Bengt Vinn Nielsen sehr und von den jüngeren möchte ich gerne Bent Q. Holms Roman Album erwähnen."

Nicht lesen mag Leif Davidsen dagegen "minimalistische und all diese schmalen, blutleeren Bücher, die vor allem in den neunziger Jahren die dänische Literatur gequält haben."

Er möchte keine Beispiele nennen und schwächt seine Aussage auch gleich wieder ab, indem er ergänzt:

"Wir haben in Dänemark glücklicherweise eine sehr facettenreiche Literaturlandschaft, und ich bin schon aus Prinzip für literarische Vielfalt."

Thriller über Krimi

Englische Literatur liest Leif Davidsen stets im Original. Das gilt für seine Lieblingsklassiker Hemingway und Graham Greene, und es gilt für P.D. James' letzten Krimi "The Murder Room":

"Ich mag P.D. James sehr, weil ihre Krimis Sittengemälde sind. Ansonsten sagt der traditionelle ‚whodunnit'-Kriminalroman mir nicht viel."

Leif Davidsen bevorzugt - wenig überraschend - die Art spannender Romane, die er selber schreibt, will sagen den Thriller, den er "eine moralische Fabel" nennt, "die politische und existentielle Fragen an die Welt stellt". Als Beispiel nennt er John le Carrés Bücher, auch wenn sein letzter Roman "Absolute Friends" so voller Wut und Aggression auf die Amerikaner ist, daß sein Ende dem Roman die Kraft raubt und aus der Fiktion eine bloße Chronik wird. "Aber ansonsten kann ich nicht behaupten, auf diesem Gebiet belesen zu sein. Ich verfolge das Genre nicht systematisch."

Die Politiker früher und heute

Ohne die Verteilung genau im Auge zu behalten, meint Leif Davidsen doch sagen zu können, daß er in etwa genauso viele belletristische Werke wie Sachbücher liest. Allerdings verschiebt sich die Balance mit zunehmendem Alter allmählich, so daß er heute mehr Sachbücher liest als in früheren Jahren.

Dabei hat er sich allerdings nicht auf ein neues Fachgebiet gestürzt. Es geht heute noch darum, worum es ihm immer gegangen ist: Geschichte und Politik. Große Freude haben ihm unter anderem die in letzter Zeit erschienenen Biographien über dänische Politiker wie Jens Otto Krag, Per Hækkerup, Poul Hartling und Anker Jørgensen bereitet:

"Mir fiel auf, daß alle vier viel Literatur gelesen haben. Ich denke nicht, daß unsere heutigen Politiker das noch tun. Ich habe jedenfalls noch nie einen Mogens Lykketoft oder Poul Nyrup Rasmussen einen Schriftsteller zitieren hören. Es ist für die Machtelite in Dänemark nicht mehr unumgänglich, die literarische Entwicklung zu verfolgen und ein gebildeter Mensch zu sein, um an die Spitze zu kommen."

Aus dem Dänischen von Paul Berf
Erschienen in: KulturWeekend, 12.3.2004.