Leif Davidsen
Leif Davidsen

Erik Bork: Gegen den Tod kann man sich nicht absichern.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß mein Interview mit dem Journalisten und Schriftsteller Leif Davidsen begleitet von heulenden Polizeisirenen beginnt. Aber so ist es. Davon abgesehen sitzen wir sicher und geborgen in einem Büro des Verlags Lindhardt und Ringhof in der Kopenhagener Innenstadt und sollten die Sonne genießen, die hereinscheint und den beiden Farnen des Büros Leben spendet.

Aber wenn Leif Davidsens neuer Roman Der Feind im Spiegel eins kann, dann die Aufmerksamkeit auf das Geräusch heulender Sirenen und den Knall zu lenken, der eventuell kommen wird, wenn wir ihn am wenigsten erwarten, und auf die Angst vor überraschenden und willkürlichen Terrorangriffen, welche die westliche Welt heute vielleicht mehr fürchtet als je zuvor.

Leif Davidsen setzt sich auf seinem Stuhl zurecht.
"Al-Qaida-Gruppen können jederzeit zuschlagen, während wir zwei hier sitzen und uns unterhalten. Genau das macht die Sache so grausam. Sie sind namenlos. Sie geben keine Vorwarnung. Häufig übernehmen sie nicht einmal die Verantwortung. Man weiß bei ihnen nie, woran man ist", sagt er.

Der Feind im Spiegel handelt von der Jagd auf diese Namenlosen. Leif Davidsen erweckt zwei seiner früheren Romanfiguren zu neuem Leben, den serbischstämmigen Dänen Vuk und seinen alten Gegenspieler, den dänischen Geheimagenten Per Toftlund. Die beiden Hauptfiguren sind unabhängig voneinander hinter den gleichen fundamentalistischen Islamisten her und ihre Jagd führt sie über Ishøj in Dänemark nach Madrid in Spanien, wo eine schlafende Al-Qaida-Zelle in Leif Davidsens Roman nur darauf wartet, zuzuschlagen.

Prophetische Präzision

Diese Geschichte hat Leif Davidsens Schreibtisch natürlich schon vor Monaten verlassen. Aber mit geradezu prophetischer Präzision trifft er nichtsdestotrotz ins Schwarze der grausamen Wirklichkeit, die sich in diesen Tagen abspielt. Denn vor ein paar Wochen schlug eine islamistische Terrorzelle ausgerechnet in Madrid zu und tötete fast zweihundert Menschen, und in dieser Woche hat die dänische Polizei einen unter Terrorismusverdacht stehenden Mann festgenommen, und zwar in Ishøj.

Wie stellen Sie es an, der Wirklichkeit so nahe zu kommen?

Ich muß gestehen, daß es mir kalt den Rücken herablief, als ich von dem Anschlag in Madrid hörte. Nicht nur, weil er so schrecklich war, sondern auch, weil er mich an meinen Roman erinnerte. Meine Tochter hat mich unverblümt aufgefordert, als nächstes lieber einen historischen Roman zu schreiben - dann kann die Handlung wenigstens nicht von der Wirklichkeit eingeholt werden. Es ist natürlich purer Zufall, daß ich so schrecklich genau ins Schwarze treffe, aber auf der anderen Seite habe ich für mein Buch natürlich auch gründlich recherchiert. Ich arbeite wie ein Journalist, wenn ich einen Roman vorbereite, aber es ist für mich wesentlich leichter, meine Quellen zum Reden zu bringen, weil sie genau wissen, daß ich einen Roman schreibe und ein Roman im Prinzip Lug und Trug ist. Ich entwickle oft "Was-wäre-wenn-Szenarien", und spreche auf ihrer Grundlage mit Politikern und Beamten und habe darüber hinaus viel Zeit darauf verwandt, mich in den Aufbau des Al-Qaida-Netzwerks und die Art, wie diese Menschen denken und ihre terroristische Arbeit finanzieren, zu vertiefen. Es kam für mich deshalb nicht wirklich überraschend, daß diesmal Spanien ihr Ziel war, weil nach dem 11. September auch Verbindungen zwischen spanischen und deutschen Terrorzellen gefunden wurden, und weil Spanien genau wie Dänemark und Großbritannien zu den engsten Verbündeten der USA im Krieg gegen den Terror und im Irak-Krieg gehörte.

Dann greifen Sie also auf Erfahrungen und Methoden zurück, die Sie sich auch zunutze machen, wenn Sie über Spione während des Kalten Kriegs schreiben?

Der Kalte Krieg war für mich ein Rahmen, in dem ich eine spannende Geschichte erzählen konnte, aus der die Leser auch durchaus etwas über das weltpolitische Geschehen lernen sollten. In diesem Zusammenhang fand ich es außerordentlich faszinierend, wie sehr die Nachrichtendienste in aller Welt nach dem 11. September kalt erwischt wurden. In gewisser Weise lebten sie noch immer im Kalten Krieg, und sowohl die Briten, aber vor allem auch die CIA waren völlig auf Technologie fixiert und hatten deshalb große Kürzungen bei den Agenten vorgenommen. Das ganze Netzwerk im Mittleren Osten war mehr oder weniger weggefallen, aber dann wurde ihnen auf einmal klar, daß ein menschlicher Agent, der neben Osama bin Laden in der Höhle gesessen hätte, wesentlich wertvoller gewesen wäre als zwei nagelneue Spionagesatelliten. Dies führte ja auch bei uns zu einer Neubewertung der Lage, und zwar sowohl beim Inlands- als auch beim Auslandsgeheimdienst, wo es im Hinblick auf den Mittleren Osten, die arabischen Länder und die arabische Sprache ein enormes Wissensdefizit gab. 1997 hatte man sogar den Sprachunterricht in Arabisch für die Sprachoffiziere des Militärs abgeschafft, und plötzlich sah man sich gezwungen, den Unterricht wiederaufzunehmen und in den großen Tageszeitungen mit Stellenanzeigen nach Arabern zu suchen, die eventuell Lust hatten, für den Geheimdienst zu arbeiten, denn was nützt es einem, einen arabischen Imam abzuhören, wenn keiner versteht, was er sagt.

Aber im Vergleich zu den Feinden, die Sie in Ihren Romanen über den Kalten Krieg beschreiben, ist Al-Qaida doch wesentlich schlechter organisiert, oder nicht?

Das Al-Qaida-Netzwerk ist eben ein Netzwerk, in dem man sich nicht unbedingt gegenseitig kennt, aber in dem auch grenzüberschreitend gearbeitet wird und man ganz offensichtlich über die notwendigen Mittel verfügt, um auch große Terroraktionen durchzuführen. Ich glaube nicht, daß Osama Bin Laden wie eine Spinne in der Mitte hockt und die Aktivitäten lenkt. Al-Qaida ist eher eine gemeinsame ideologische Plattform. Allen gemeinsam ist der Haß. Uns mag es naiv erscheinen zu glauben, daß sie eine Chance gegen die westliche Welt haben, aber man darf nicht vergessen, daß sie einen Teil ihres Selbstverständnisses aus Afghanistan beziehen, wo ja auch kein Mensch gedacht hätte, daß die Mudschaheddin in der Lage sein würden, eine sowjetische Streitmacht aus dem Land zu vertreiben. Tatsächlich benötigten sie jedoch nur acht bis zehn Jahre, um den russischen Bären hinauszuschmeißen, und warum sollen sie dann nicht auch Uncle Sam vor die Tür werfen können. Erst kürzlich ist es ihnen immerhin gelungen, eine Wahl in Spanien zu beeinflussen. Wenn man bereit ist zu sterben, ist alles möglich. Dagegen kann kein demokratisches Land sich verteidigen.

Für die Verteidigung der Demokratie

Im Nachwort zu Ihrem Roman schreiben Sie über die Notwendigkeit der Demokratie. Wie sollen sich die Demokratien Ihrer Meinung nach gegen die Bedrohung durch den Terrorismus verteidigen?

Am schlimmsten erscheint es mir fast, wenn man den Terrorismus dadurch siegen läßt, daß man unsere Gesellschaft verändert und unsere Freiheit einschränkt. Gegen den Tod kann man sich nicht absichern und es ist nach wie vor wesentlich wahrscheinlicher, beim Überqueren einer Straße umzukommen als bei einem terroristischen Anschlag. Ich bin bereits jetzt der Meinung, daß die Amerikaner bei der Einschränkung von Freiheiten viel zu weit gegangen sind, und ich denke, daß die Gerichte im Laufe der nächsten Jahre die Anti-Terrorgesetze stark in Frage stellen werden, die das Land eingeführt hat, denn damit wird sich das amerikanische Volk auf Dauer nicht abfinden. Eine freiheitliche Grundordnung ist sehr schwer zu erreichen, aber sehr leicht wieder einzuschränken, dessen sollten wir uns immer bewußt sein. Eine Äußerung Salman Rushdies gehört zum klügsten, was in diesem Zusammenhang gesagt worden ist. Als man ihm die Frage stellte, wie man sich gegen die Terroristen verteidigen solle, antwortete er: "Indem wir nicht aufgeben, was wir an Freiheit erreicht haben. Indem wir für das Recht auf Toleranz, Miniröcke und Schinkensandwiches kämpfen." Besser kann man es nicht ausdrücken, finde ich.

Angesichts Ihrer scheinbar hellseherischen Fähigkeiten: Wie groß ist Ihrer Meinung nach das Risiko für einen Terroranschlag in Dänemark?

Wir sind kein undenkbares Ziel, aber Dänemark ist zum Glück bisher vor der ganz großen, politisch motivierten Gewalt verschont geblieben, und ich glaube auch jetzt nicht, daß Dänemark ein sonderlich interessantes Ziel ist. Falls ein dänischer Pendelzug getroffen würde, wäre das natürlich eine große Sache auf CNN, aber die Wirkung würde meines Erachtens wesentlich geringer ausfallen als bei dem, was nun in Madrid geschieht. Dennoch sollte man die höchst reale Angst der Menschen vor einem solchen Angriff nicht einfach abtun. Ich hörte vor ein paar Tagen von einer älteren Dame, die die Polizei rief, weil sie eine verwaiste Plastiktüte in der S-Bahn entdeckt hatte. Sie hat sich sicher richtig verhalten, aber als die Polizei eintraf, stellte sich heraus, daß es sich nur um die Brote und die Kaffeekanne handelte, die der S-Bahnfahrer stehengelassen hatte. Das ist nun zum Glück typisch dänisch, aber auch wenn es keine Bombe war, haben die Terroristen im Grunde dennoch gewonnen, denn ihr Hauptziel ist es, Angst und Unsicherheit zu schüren, und das ist ihnen leider nur allzu gut gelungen.

Es wundert mich bisweilen, daß die Angst, die heute in Dänemark umgeht, größer zu sein scheint als in den Tagen des Kalten Kriegs, in dem mindestens ein-, zweimal das Risiko eines sehr, sehr folgenschweren Weltkriegs bestand. Verglichen mit damals ist die Bedrohung heute doch beträchtlich kleiner. Trotzdem ist das Gefühl der Unsicherheit größer, und das hat sicher mit den Besorgnissen der Menschen angesichts von Einwanderung und geöffneten Grenzen zu tun. Das schafft Verunsicherung. Aber es ist doch paradox, daß wir Dänen glauben, im besten Land der Welt zu leben, gleichzeitig jedoch enorme Minderwertigkeitskomplexe und Angst davor haben, zu verschwinden und überrannt zu werden.

Es leben 250 000 Isländer auf der Welt, aber sie haben meines Wissens keine Angst, daß Island verschwinden könnte, und in Norwegen ist man ganz im Gegenteil der festen Überzeugung, daß die ganze Welt in fünfzig Jahren Norwegisch spricht. Aber hier bei uns fürchten wir also um unsere Identität, und das ist schon verblüffend, denn unser Land gehört zu den reichsten der Welt und wir sind gleichzeitig ein tüchtiges kleines Volk.

Als ich für das dänische Fernsehen an der Serie "Die Geschichte Dänemarks" arbeitete, stieß ich auf eine bezeichnende Reportage aus der Zeit, als die Kreditkarte "Dankortet" eingeführt wurde. Der Journalist der Fernsehnachrichten fragte damals doch allen Ernstes den Verteter des Kreditinstituts, ob es nicht ein Problem sei, daß eine Invasionsmacht nunmehr ermitteln könne, was wir alle im Supermarkt einkaufen. Nur ein ausgesprochen besorgtes Volk ist daran interessiert, die Antwort auf eine solche Frage zu hören.

Aber man kann sich doch durchaus Sorgen machen über diesen neuen Konflikt, der angesichts des Terrors entstanden ist. Fällt es den Leuten nicht einfach schwer, eine Lösung dieses Konflikts zu sehen?

Niemand hat uns ein Paradies auf Erden versprochen, aber deshalb muß man doch nicht für immer und ewig Pessimist sein. Wenn der Irak sich auch nur zu einem halbwegs demokratischen und halbwegs befriedeten Land entwickelt, dann wird dies von sehr, sehr großer Bedeutung für den Mittleren Osten sein und so manchen Diktator zum Umdenken zwingen. Ein Teil des Morasts ist auch die große Armut und Hoffnungslosigkeit, die für den Mittleren Osten und Afrika charakteristisch sind. Hoffnung und der Glaube an die Zukunft müssen geweckt werden - nicht zuletzt im Konflikt zwischen Israel und Palästina, bei dem man konstatieren muß, daß wohl nichts besser werden wird, so lange sich Sharon und Arafat gegenübersitzen. Man muß seine Hoffnung in vernünftige und begabte Menschen setzen. Man braucht sich doch nur anzusehen, welche Bedeutung Nelson Mandela für die Demokratisierung Südafrikas hatte.

In früheren Zeiten hätten nur wenige Dänen gedacht, daß der deutsch-dänische Konflikt um Nordschleswig ohne viel Blutvergießen wegen dieser vierzig Quadratkilometer gelöst werden könnte, aber heute erinnern sich nur noch wenige an diesen Konflikt. Genauso fällt es einem schwer sich vorzustellen, Deutschland und Frankreich könnten heute auf die Idee kommen, einander zu bekriegen. Scheinbar hoffnungslose und unlösbare Probleme sind trotz allem gelöst worden. Ich glaube nicht an eine Gesellschaft ohne Krisen, aber wenn ich Urgroßvater werde, bewegen uns unter Umständen ganz andere Konflikte als heute.

Wollen Sie damit sagen, daß die Armut zu einem großen Teil für den Islamismus verantwortlich ist?

Nein, so kann man das nicht sagen, denn dann wäre ganz Afrika ein einziges Terrornest. Es hängt auch mit dem Islam zusammen, und hier unterscheide ich strikt zwischen Muslimen und Islam, denn es gibt über eine Milliarde Muslime, und die kann man nicht über einen Kamm scheren, aber wenn man tief religiös ist, taucht das Problem auf, daß viele Gläubige denken, der Koran sei Gottes Wort, weitergegeben an Mohammed durch den Erzengel Gabriel, und daß man ihn deshalb nicht in Frage stellen darf. Dieser Aspekt verlangt eine Auseinandersetzung mit einer der wirklich fundamentalen Säulen im Islam, und das dürfte noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich glaube, daß Ausbildung, Modernisierung und Demokratisierung den Weg in die Zukunft weisen.

Heute sind weit über die Hälfte der Menschen, die auf der arabischen Halbinsel leben, noch keine achtzehn Jahre alt. Können sie Arbeit finden? Nein. Können sie von einer Ausbildung träumen? Nein. Sie haben nur drei Möglichkeiten: Sie können versuchen auszuwandern, sie können in der Hoffnungslosigkeit verharren oder sie können zu den Fahnen der Revolution eilen.

Und diesmal geht es nicht um Marx, das kommunistische Manifest und die Sowjetunion. Diesmal geht es um Allah, den Koran und eine Bewegung namens Al-Qaida.

Spionage

Worum wird es in ihrem nächsten Roman gehen? Werden wir noch mehr Spione erleben dürfen?

Spionage hat mich seit jeher interessiert, schon als ich noch als Journalist tätig war. Manche sagen ja, Prostitution sei das älteste Gewerbe der Welt, aber ich denke, es ist die Spionage, denn wer erzählte Gott von dem Apfel? Das war doch der Spion im Garten Eden. Gleichzeitig benutze ich den Spion aber auch als ein Spiegelbild von uns selbst, und darauf verweist der Titel meines Romans: Wer sagt die Wahrheit, und wer lügt? In den fünfziger und sechziger Jahren wurde die CIA von einem Mann geführt, der von dem Gedanken besessen war, daß es in seiner Organisation einen sowjetischen Maulwurf gab. Er verlor schließlich den Verstand und man sagte über ihn, er sei "lost in the wilderness of mirrors" gewesen. Man kann nie wissen, was wahr und was falsch ist, und man sollte sich davor hüten, den Verstand zu verlieren. Das ist ein sehr gutes Bild für unsere Welt.

Leif Davidsen lächelt verschmitzt. Draußen sind die Polizeisirenen längst verklungen. Es war ein ganz normaler Einsatz. Der erfahrene Thrillerautor nimmt einen Schluck Kaffee und räuspert sich:

Aber als nächstes schreibe ich vielleicht etwas über Japan. Oder einen historischen Roman.

Aus dem Dänischen von Paul Berf
Erschienen in: Kristeligt Dagblad, 3.4.2004