Wie vage Ideen zur Fiktion werdenThrough whose eyes shall I tell my story? Graham Greene Aber es beginnt immer mit einer Hauptfigur. In seinen Tagebuchnotizen während einer Reise in den Kongo im Januar und Februar 1959 gewährt uns Graham Greene faszinierende Einblicke in seinen Schaffensprozeß, denen ich entnehmen kann, daß seine Arbeitsweise der meinen ähnelt. Aber ich habe erst über Greenes Methode gelesen, nachdem ich bereits drei Romane geschrieben hatte. Es war ungemein beruhigend zu lesen, daß ein Meister wie er auf die gleiche irrationale Art arbeitete und mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte wie ich. Greene reist mit einer vagen Idee für einen Roman zu einer Leprakolonie im Kongo. Er hat die Konturen einer Hauptfigur, die einstweilen nur den Namen X trägt. Greene war ein Schriftsteller, der abhängig davon war, sich an den Orten aufzuhalten, an denen sich seine Figuren bewegten. Viermal besuchte er Vietnam, um Der stille Amerikaner schreiben zu können. In den Tagebuchfragmenten, die in dem Buch In Search of a Character gesammelt sind (auf deutsch erschienen unter dem Titel Afrikanisches Tagebuch), sieht man, wie Orte und Begebenheiten in dem langsamen Prozeß, der notwendig ist, um einer literarischen Figur Leben einzuhauchen, benutzt und wieder verworfen werden. Wie vage Ideen zu Fiktion werden. Ein Duft oder ein Geräusch taucht später, transformiert durch eine Hauptfigur, aus dem Notizblock auf und wird als Literatur wiedergeboren. (Die Reise resultierte übrigens in dem Roman mit dem Titel Ein ausgebrannter Fall.) Seine eigenen Reaktionen auf die Hitze, die Fliegen, den Fluß und die Aussätzigen werden in abgewandelter Form zu den Reflexionen der Hauptfigur. Für Greene und für mich selbst ist dabei entscheidend, daß die Arbeit unmöglich in Gang kommen kann, ohne daß man weiß, mit wessen Augen die Geschichte erzählt werden soll. Wenn man so arbeitet, schießen einem oft diverse Personen durch den Kopf, ehe das erste Wort geschrieben wird. Das führt leider Gottes auch zu einer Reihe fehlgeschlagener Anfänge, bei denen sich die Figur nicht entwickelt und deshalb umgebracht und das Projekt ad acta gelegt werden muss, ehe es überhaupt richtig in Schwung gekommen ist. Aufgrund meiner Arbeit als Journalist haben sich meine Figuren in der Welt der Agenten, Spione und Verräter bewegt. In jenen Bereichen, die Graham Greene die dunklen nennt. Ich habe mich als Journalist intensiv mit der bipolaren Welt beschäftigt, die wir während des Kalten Kriegs kannten. Dieser intensive Konflikt an einer unsichtbaren Front lieferte mir einen Rohstoff, der egoistisch betrachtet ein großes Geschenk für einen Schriftsteller war, auch wenn das für Millionen Menschen auf der anderen Seite des inzwischen abgerüsteten eisernen Vorhangs Leid bedeutete. Und Verrat und Loyalitätsdilemmata auf unserer Seite. Und zu geplatzten Träumen und hartem Zynismus führte. Die Konfrontation von Ost und West fördete menschliche Probleme und Konflikte zutage und gab ihnen schärfere Konturen. Die Form des Thrillers paßte zu dieser Welt, in der es oft genug schwer fiel, zwischen Lüge und Wahrheit zu trennen, in der sich Opfer und Henker nicht immer voneinander unterscheiden ließen. In der persönliche Geheimnisse und falsche Loyalität häufig Teil eines Spiels waren, bei dem das eigene Leben der Einsatz war. Einer Welt, weit weg von der dänischen Eigenheimidylle. Viele Jahre fielen mir meine Recherchen zu den Romanen als netter Nebeneffekt meiner Arbeit als Journalist in den Schoß, aber ansonsten recherchiere ich, wenn sich meine Figuren auf ihren Reisen ins Unbekannte in Milieus bewegen oder an Orte begeben, die ihrem Autor unbekannt sind. Ich recherchiere vor Ort oder in der Bibliothek. Ich muß die Milieus erleben, um über sie schreiben zu können, und zwar ganz gleich, ob es darum geht, die Schiffahrtsverhältnisse rund um die Insel Flakfort bei Kopenhagen für Der Fluch der bösen Tat zu untersuchen, oder die Stasiarchive in Ostberlin für Der Augenblick der Wahrheit zu besuchen. Ich bin ein akribischer Notizenschreiber, der Stimmungen, Gerüche, Laute, Farben oder Repliken einzufangen versucht, die in umgearbeiteter Form Eingang in meine Bücher finden. Es ist mir wichtig, daß meine Figuren sich in einem wirklichkeitsgetreuen Universum bewegen. Außerdem weiß man nie, was man alles gebrauchen kann; deshalb die Notizen und Zeitungsausschnitte, die vielleicht nicht sofort sinnvoll erscheinen mögen. Aber plötzlich tauchen dort in dem Papierstapel oder in den hingekritzelten Worten die Figuren auf, nisten sich im Unterbewußtsein ein und werden lebendig. Sie sind an vielen Orten zu finden. weiter |

