Leif Davidsen
Leif Davidsen

Realismus im Roman

Am I going too far from the original idea: am I beginning to plot, to succumb to that abiding temptation to tell a good story? Graham Greene

Jahrelang war ich fasziniert von dem Begriff Paparazzi. Ich hatte in den siebziger Jahren in Spanien einen Freund, der als heimlicher Fotograf endete, nachdem er das Glück gehabt hatte, eine Berühmtheit zu "schießen". Ich war fasziniert vom Leben dieser Leute und dem vielen Geld, das sie verdienten, davon daß sie wie die Führungsoffiziere in der Welt der Spione ein großes Netzwerk von Informanten bezahlten und hätschelten: Barkeeper, Chauffeure, Empfangsdamen und Nachtclubbesitzer, die ihnen vom Tun und Lassen des Jetsets erzählen konnten.

Aber ich interessierte mich auch für die eigentümliche Beziehung zwischen Opfer und Henker. Eine Symbiose, bei der es für einige der Reichen und Berühmten dieser Welt unter Umständen furchtbarer sein konnte, wenn das Blitzlicht ausblieb. Wenn man nicht mehr so wichtig war, daß jemand sich die Mühe gemacht hätte, einem aufzulauern. Ich habe mich jahrelang mit Fotografen unterhalten und dabei gehört, daß die Jagd selbst und das Erlegen der Beute, der Adrenalinschub, der damit einherging, ein entscheidender Antrieb in ihrem Metier war. Deshalb machten sie weiter, obwohl ihre Brieftaschen schon prall gefüllt waren.

Aber die Hauptfigur, mit deren Augen ich diese Geschichte sehen konnte, wollte sich einfach nicht materialisieren. Sie verweigerte sich mir bis zu jenem Herbst 1996, in dem ein unschuldiges Straßenschild in Djursland Peter Lime in meinem Innern auftauchen ließ. Man könnte sich vornehmen, einen solchen Mann als ein rein psychologisches Projekt zu betrachten und einen Roman zu schreiben, der ihn sozusagen von innen erforscht. Man könnte auf Dialoge verzichten und innere Monologe einen Motor sein lassen, um ihn zu einem sprachlichen Gespenst in einer unwirklichen, nahezu stummen, körperlosen Welt zu machen.

Aber es geht nicht. Peter Lime beginnt seine Reise, und der Schriftsteller ist der Versuchung erlegen und gibt sich alle Mühe, eine gute Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende zu erzählen. Das liegt ihm im Blut. Es ist zu seinem Metier geworden. Mir wurde klar, daß der Thriller ein fantastisches Genre ist, um Geschichten zu erzählen, vielleicht sogar Gegenwartsgeschichten. Um von Menschen und davon zu erzählen, wie es ihnen heute geht und in den letzten fünfzig Jahren ergangen ist. Ich bin viele Jahre Fernsehjournalist gewesen und gebe gerne zu, daß das Fernsehen ein machtvolles und emotionsgeladenes Medium ist, aber es ist kein Ort vieler Worte. Und der Roman kann in Wahrheit ein wahrhaftigeres Bild des Lebens entwerfen als noch so hervorragende Bilder.

Aber wenn die Figuren nicht lebendig sind, wenn einen die Sprache nicht fesselt, dann ist der Thriller ein füchterliches Genre, voller Klischees und Postulate, beispielsweise, wenn ein Schriftsteller glaubt, wenn er nur eine Woche nach Moskau reist und die Namen der Metrostationen lernt, so daß seine Pappmachéfiguren sich korrekt bewegen können, dann sei sein Buch realistisch.

Das hat nichts mit Realismus zu tun. Realismus ähnelt der Wirklichkeit, ist aber nicht die Wirklichkeit. Erst wenn die Wirklichkeit durch die Augen der Figuren transformiert wird, entsteht Literatur. Wenn Menschen, an die wir glauben, aus den Seiten erwachsen. Viele hervorragende Schriftsteller sind auch hervorragende Journalisten. Aber es gibt gleichzeitig viele hervorragende Journalisten, die niemals Schriftsteller werden, auch wenn sie es versuchen, oder doch wenigstens davon träumen, sich als Autoren fiktionaler Werke zu versuchen. Ihnen fehlt die Fähigkeit zu fabulieren, die Voraussetzung dafür ist, literarische Werke zu schreiben. Es gelingt ihnen einfach nicht, aus ihrem Faktengefängnis zu entfliehen. Sie glauben, das Thrillergenre würde sie aus dem journalistischen Käfig befreien können, aber die Klügsten unter ihnen sehen ein, das kann es nicht, und geben auf, sobald sie erkennen, daß sie mit fiktiven Namen weiter Reportagen schreiben.

John le Carré wurde einmal gefragt: Wann schreiben Sie ein richtiges Buch? Ich tue nichts anderes, antwortete er und schrieb fröhlich weiter, obwohl der Kalte Krieg vorüber war.

Er ist genau wie ich und glücklicherweise noch eine Reihe anderer Autoren hoffnungslos der Versuchung erlegen, eine gute Geschichte zu erzählen.

Aus dem Dänischen von Paul Berf

Die englischsprachigen Zitate stammen aus Graham Greenes
In Search of a Character, Two African Journals (dt. Titel Afrikanisches Tagebuch), London 1961.
Hier zitiert nach Penguin Twentieth Century Classics, London 1968.