Leif Davidsen
Leif Davidsen

Wie man einen Roman schreibt

The beginning of a book holds more apprehensions for the novelist than the ending. Graham Greene

Der dänische Romancier Anders Bodelsen erzählte einmal, er sei wie ein Flugkapitän in einem großen Jet, wenn er einen neuen Roman anfange. Er kenne die Flugroute nicht im Detail, wisse aber, wo sich die Landebahn befindet. In seinem Beitrag zu dem Band Die Wirklichkeit des Buchs (1999) gewährt er uns einen faszinierenden Einblick in die Arbeit an seinem Thriller Verdunkelung, der als Hörspiel, Roman und Fernsehserie vorliegt. Es ist ein Einblick sowohl in die Unterschiedlichkeit der einzelnen Genres als auch in die Arbeit, die ein sorgfältig arbeitender Autor aufwendet, um Handlung und Charaktere im modernen Thriller in einer höheren Einheit aufgehen zu lassen.

Wenn ich einen Roman beginne, kenne ich weder die Reiseroute noch die Position der Landebahn. Die Reise ist unvorhersehbar. Die Charaktere begeben sich in ein Universum, das auch dem Autor unbekannt ist. Je weiter das Buch fortschreitet, desto mehr weiß ich natürlich darüber, was geschehen, und vor allem, warum es geschehen wird, aber in den meisten Fällen weiß ich erst ganz am Ende, warum das Buch endet, wie es denn endet.

John Irving, dessen Bücher ebenfalls eine sorgsam ausgeklügelte Handlung haben, arbeitet umgekehrt. Für ihn ist es wichtig, die ganze Geschichte und die Entwicklung der Charaktere sorgfältig zu durchdenken, ehe er sich an die Schreibmaschine setzt und seinen Gedanken sprachliche Form gibt. Er weiß sozusagen, wie der letzte Satz lauten wird, noch bevor er den ersten schreibt. Es ist eine Arbeitsmethode, die ich zwar eventuell bewundern, jedoch weder intellektuell noch emotional begreifen kann. Im Grunde erscheint sie mir langweilig. Haargenau zu wissen, was auf Seite 224 passieren wird, wenn man auf Seite eins beginnt, klingt grauenvoll. Muß einem der Schreibprozeß unter diesen Umständen nicht wie eine Wanderung durch die Wüste vorkommen? Es kann ein furchteinflößendes Gefühl sein, bereits den so wichtigen ersten Satz gefunden zu haben und dann zu wissen, daß die Reise erst 300 Seiten später endet.

Ich sehe meine Hauptfigur vor mir. Der Mann bekommt ein Gesicht, Körper und Seele, und ich weiß, daß ich ihn nun im Nacken packen und auf eine Reise in sich selbst und seine Umwelt schicken werde, die ihm übel mitspielen und ihn verändern wird.

Ist diese Methode möglich, wenn man wie ich eine Geschichte mit einer logisch aufgebauten Handlung schreibt, bei der am Ende alle Fäden zusammenlaufen müssen, damit der Leser das Genre akzeptiert? Es hat sich jedenfalls bislang als möglich erwiesen. Es ist meine Methode gewesen und bis heute geblieben, und auf der Jagd nach einer Hauptfigur sind jene Universen entstanden, die Graham Greene die dunklen Orte nannte. Geschichten über Menschen, die sich in internationalen Milieus bewegen, und letzten Endes erzählt mit gebührendem Respekt für Aristoteles' berühmte Worte über die Technik des Erzählens mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende.

Um zu verstehen, warum ich so arbeite, ist es vielleicht notwendig, zurückzublicken. Hegte ich von Beginn an den bewußten Wunsch, in einer ansonsten modernistischen und minimalistischen Zeit realistische Romane dieses Stils zu schreiben? Sind sie eine Art Abstecher von einer Karriere als Auslandskorrespondent? Oder sind sie in Wahrheit eine Art Poetik des Agentenromans, versteckt in der unlogischen und bedenklichen Methode, die Charaktere eine Geschichte vorantreiben zu lassen, was der Natur des Genres eigentlich widerspricht? Läge die Stärke des Genres dann abgesehen vom reinen Unterhaltungsaspekt darin, daß es moralische Dilemmata in einer postmodernen, fragmentarischen Welt zur Diskusison stellt? Sich mit der Frage auseinandersetzt, ob das Böse existiert?

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