Leif Davidsen
Leif Davidsen

Doppelleben: Journalist und Thrillerautor

The economy of a novelist is a little like that of a careful housewife, who is unwilling to throw away anything that might perhaps serve its turn. Or perhaps the comparison is closer to the Chinese cook who leaves hardly any part of a duck unserved. Graham Greene

Ich war schon Schriftsteller, bevor ich Journalist wurde. Ich begann wie so viele andere mit Lyrik und versuchte mich anschließend an modernistischen Novellen, einem absurden Theaterstück, Entwürfen zu einem Hörspiel, Skizzen zu dem großen Pubertätsroman, einem missratenen Krimi. Alles vor meinem zwanzigsten Geburtstag. Ich gab mein literarisches Debüt 1973 mit vier Gedichten in der Zeitschrift Hvedekorn, die der Redakteur Poul Borum aus den etwa zwanzig Texten auswählte, die ich ihm zugesandt hatte. Ich wollte Schriftsteller sein, wurde jedoch Journalist, denn von irgend etwas mußte man ja leben, während man experimentierte und sich ein Leben aufzubauen suchte, über das zu schreiben sich auch lohnte.

Es zeigte sich, daß es eine gute Berufswahl war. Ich wurde Auslandsberichterstatter und somit reisender Reporter und Auslandskorrespondent. Es war ein faszinierender, zeitaufwendiger Job, der all meine Zeit in Anspruch nahm, aber gelegentlich besuchte ich weiter meine eigene Autorenschule, obwohl sich keine neuen Gedichte einstellen mochten, nachdem ich zwanzig geworden war.

Erst spät entdeckte ich die Möglichkeiten des Thrillers. Zwar hatte ich durchaus Autoren wie Eric Ambler, Graham Greene und Len Deighton gelesen, aber nicht wegen des Genres, sondern einfach, weil sie herausragende Autoren waren. Aber 1980 hatte ich in Moskau, wohin mich mein damaliger Chef beim Rundfunk gegen meinen Willen entsandt hatte, plötzlich einen Mann vor Augen. Er bewegte sich daheim in seinem gemütlichen Wohnzimmer. Die Kinder waren im Bett, seine Frau auf einer Reportagereise in Spanien. Er hieß Poul Jensen und war einer dieser Softies jener Zeit mit Halbtagsstelle im Sozialministerium, während seine Frau sich ganz ihrer Karriere widmete. Es klingelt und vor der Tür stehen zwei Kriminalpolizisten, die ihm mitteilen, daß seine Frau in San Sebastian ums Leben gekommen ist. Mehr wußte ich nicht, als ich mich an die Arbeit machte. Daraus wurde mein erster Roman Unheilige Allianzen, der 1984 in einer neuen Reihe erschien, die Erik Vagn Jensen in seinem Verlag Vindrose gestartet hatte. Ein spannender Roman von Vindrose. Was ich geschrieben hatte, war also ein Thriller.

So hatte mir das Buch nicht vorgeschwebt. Ich hatte mir vielmehr vorgestellt, daß ich einen Roman über einen Mann schreiben würde, der nach Spanien reist, um die Leiche seiner treulosen Ehefrau zu holen, und dabei in eine Geschichte verwickelt wird, die sein Leben verändert und zeigt, daß in ihm ganz andere Kräfte stecken, als sein stilles Büro und das Familienleben bisher zutage gefördert haben. Ich wollte den so brutalen wie existentiellen Kampf der Basken für ein eigenes Land als Kulisse benutzen, um Fragen dazu zu stellen, was es hieß, Anfang der achtziger Jahre ein Mensch zu sein. Und ich wollte dies spannend tun. Das war so gesehen viel eher mein Ausgangspunkt als ein bewußter Wunsch, das Genre des Thrillers zu erproben, von dem ich zu diesem Zeitpunkt nur vage Vorstellungen hatte.

Doch das Genre sagte mir immer mehr zu, je weiter die Arbeit an dem Roman fortschritt. Es schien mir die richtige und natürliche Art zu schreiben zu sein. Sie zügelte meine unglückseligen modernistischen Neigungen. Oder auch meinen Traum, der langen Reihe von Romanen über die Pubertät eines jungen Dänen, die Staub auf den Regalbrettern der Bibliotheken sammelt, einen weiteren hinzuzufügen. Oder auch den großen dänischen Gegenwartsroman über meine Generation zu schreiben. Es kam mir so vor, als wären die meisten Geschichten schon geschrieben worden, und das nicht selten ganz hervorragend. Was sollte ich ihnen also hinzuzufügen haben? Gab es vielleicht einen anderen Weg, um einen Ausgangspunkt dafür zu finden, womit sich jede Generation und jeder einzelne Mensch auseinandersetzen muss?

Die fortschreitende Geschichte mit der in sie eingefügten Handlung und den ebenso notwendigen Abstechern lagen meinem nunmehr voll erblühten journalistischen Temperament. Mir gefällt, was man in der Welt des Films sagt: Laß die Personen etwas tun. Sie sollen nicht nur an einem Küchentisch sitzen.

Kurzum, das Genre erwies sich bestens geeignet, um Geschichten zu erzählen. Es hat seine eigenen Gesetze und Konventionen, aber sie sind nicht statisch. Im Rahmen eines Thrillers ist genauso viel Platz, um mit Sprache und Form zu experimentieren, wie im modernen französischen Roman, obwohl es wesentlich schwieriger ist, da die Form verlangt, daß die Geschichte nicht in Einzelteile zerfällt.

Ich blieb in der Sowjetunion hängen, und das färbte auf meine Bücher ab. Ich bin ein Autor, der sehr von seiner Umgebung abhängig ist. Die Wirklichkeit drängt sich mir auf und will in meinen Romanen und Erzählungen dabei sein. Wenn aus mir ein Parlamentsreporter oder ein Lokaljournalist in Nykøbing Falster geworden wäre, hätte ich dennoch Romane geschrieben, aber sie hätten von etwas ganz anderem gehandelt. Zumindest bilde ich mir das ein.

Ich nehme die Geschichten, die das wirkliche Leben schreibt, und arbeite sie so um, daß sie in mein fiktives Universum passen. Und ich versuche Geschichten an den Orten zu sehen, an denen ich mich bewege.

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